Als ich
damals gefragt wurde, ob ich mir zutrauen
würde, dieses Motorrad wieder zum Leben zu erwecken, musste
ich erst einmal
schlucken. Ich hatte vor Kurzem für einen Kunden Joe
Wright’s Weltrekord-OEC
von 1930 in Brooklands präsentiert und dabei Blut geleckt. Und
nun stand ich
vor diesem mächtigen und ziemlich
respekteinflößenden Ungeheuer, und
betrachtete versponnen die überall sichtbaren Spuren seines
jahrzehntelangen
Dornröschenschlafs.
Es sollte keine Restaurierung werden. Nur
reinigen,
entrosten und fahrfähig machen... Wie hätte ich da
ablehnen können? Und
nach der Lektüre von Paul d’Orleans’ Blog
über
die Geschichte von Super-KIM war ich ohnehin Feuer und Flamme
für dieses
Projekt.
Beim
Auseinandernehmen der
Maschine gab es dann die erste Überraschung: Der Motor hat
1700 ccm! Eine
Stahlkurbelwelle mit 120 mm Hub und speziell angefertigte Zylinder mit
94.9 mm
Bohrung machen das möglich. Weniger erfreulich war hingegen,
dass ins
Steuergehäuse
Wasser eingedrungen war und ein Zahnrad, die Nockenwelle, die
Rollenabnehmer
sowie das rechte Hauptlager zerfressen hatte. Lager und Zahnrad wurden
ersetzt,
das Nockenprofil und die Rollen nachgearbeitet.
Der
Rest des Motors enthielt zum
Glück jede Menge altes Castrol „R“ und
war völlig frei von Korrosion. Die
Köpfe, die vermutlich noch von der 1925er Basismaschine
stammen, hatten mehr gelitten. Einige Kühlrippen
mussten
nachgeschweißt werden und neue Ventile sowie Federn waren
dringend nötig. Die alten Ventile waren zu
kurz und die
Federn daher so weit vorgespannt, dass sie bei vollem Ventilhub beinahe
auf
Blockmaß gingen.
Kein
schlechtes Bild bot sich im
Getriebe, das außer einer verriebenen Hauptwelle keine
Schäden aufwies. Einen großen Teil der Arbeitszeit
verschlang das schonende Entrosten und
Reinigen, Das
Nachbessern und Abstimmen unzähliger Kleinteile, die sich mehr
als 70 Jahre
nicht bewegt hatten, sowie die Montage. Nachdem der
unveränderte Rahmen der
Zenith soviel zusätzliche Technik aufnehmen musste, ist die
ganze Sache
verdammt eng geworden. Allein die Unterbringung moderner Ketten, die
jeweils um
ein bis zwei Millimeter breiter sind als die alten, brachte eine Reihe
von
Problemen mit sich.
Die
sehr tief liegenden
Schwimmerkammern der Vergaser hatten offensichtlich Bodenkontakt gehabt
und
waren verbogen und eingerissen und das Anschlussauge durch den Verzug
undicht.
Das Richten ging nicht ganz ohne Bauchweh vonstatten und mehrere Risse
wurden gelötet.
Den
mit Abstand schlechtesten
Zustand wiesen die Räder auf. Die Felgen hatten tiefe
Rostnarben und speziell
das Ausspeichen entwickelte sich zum Geduldspiel. Die Aufbereitung der
Reifen
zu Ausstellungszwecken wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen.
Das
Aussehen des Tanks bereitete
mir bis zuletzt Kopfzerbrechen. Er war mit braunem Rost
überzogen, Schrift und
Zierlinien beinahe verschwunden und, was am schlimmsten war, bei jeder
Berührung sprangen die völlig verwitterten Lackreste
wie Schuppen vom Blech ab. Weder Drahtbürste, noch
Rostumwandler oder Lack
durfte verwendet
werden und das inzwischen wieder sehr ordentlich wirkende Motorrad
sollte nicht
von einem Tank gekrönt werden, der sich farblich wie ein
Fremdkörper ausnimmt.
Nachdem der Tank gereinigt und ein Riss an der Unterseite
gelötet war, begann
ich in mehreren Schritten die Lackreste wieder an den Untergrund zu
binden und
den Rost zu versiegeln. Danach wurden die scharfen Ränder der
Schuppen
aufgefüllt, und die braunen Stellen geschwärzt. Alles
zusammen wurde noch
einmal versiegelt. Die Oberfläche fühlt sich jetzt
wieder geschmeidig an, der
Originallack hält und die Reste der Beschneidung und des
Schriftzuges sind
durch den besseren Kontrast wieder gut sichtbar.
Für
die
gesamte Wiederbelebungsaktion
benötigte ich etwa 320 Arbeitsstunden. 150 davon entfielen
allein
aufs Entrosten
und Reinigen.
Am
1. September
ist Super-KIM dann zum ersten Mal seit etwa 75 Jahren wieder gelaufen.
ROOOAR!!
Dass ich auf den Bildern mit kurzen Hosen und ohne Helm zu sehen bin,
bedeutet
übrigens nicht, dass ich lebensmüde bin. Es handelte
sich eben um einen
Schiebestart. Die 250 km/h, die Roberto Sigrand damals angestrebt hat,
möchte
ich lieber nicht versuchen. Ziel der Instandsetzung war,
dieses einzigartige Motorrad so original wie nur
möglich zu belassen und doch einen sicheren Betrieb bei
Präsentationsfahrten zu gewährleisten.
Und
der Sound? Bei allem Respekt,
ich würde sagen sie klingt wie ein Traktor auf Drogen.
Vielen
Dank an den Auftraggeber für das mir entgegengebrachte
Vertrauen.
Gernot
Schuh
Folgende
Teile wurden
ausgetauscht oder neu gefertigt:
2 Reifen, Schläuche,
Felgenbänder
3 Antriebsketten
Rechtes Hauptlager der Kurbelwelle
1 Zahnrad im Steuergehäuse
4 Ventile
4 Sätze Ventilfedern
Dekompressor-Seilzug, Hülse,
Vorsteckscheibe und Stellschraube
2 Federn der Zündverstellung
4 Zündkabel
Die Magneten wurden von der Firma BMZ
überholt
4 Rillenkugellager in den
Lagerkörben auf der Antriebsseite
4 Rillenkugellager des Kompressors
Schlauch der Motorentlüftung
Kugeln des Kupplungsdrucklagers
Lagerrollen im Getriebe (Hohlwelle)
Bremshebel (ein Stück wurde
angeschweißt)
1 Benzinhahn
1 Knebel fürTankverschluss
1 Überwurfmutter an der
Ölpumpe und die beiden Sichtfenster
1 Nadeldüse, 1 Hauptdüse
und 1 Verschlussschraube am Vergaser
4 Schwimmernadeln, 2 Düsennadeln
2 Ansaugtrichter, diese fehlten (Die
Ausführung mit Gitter ist nicht original, soll aber
verhindern, dass sich die weit unten liegenden Vergaser als Staubsauger
versuchen)
Gewebebänder an Lenker und
Bowdenzügen
Es geht los:
Anlieferung
Rost
Blaues
Pleuellager
Staub
von 70 Jahren
Wasserschaden
Rostfraß
Teile des Innenlebens:
Kurbelhaus innen
Hauptlager links
Kurbelwelle mit 120mm Hub
Motorgehäuse
Spezialkolben
Zylinder mit 95mm Bohrung
Köpfe mit geänderten
Flanschen
Neue alte Kerze
Kompressor:
Innenleben des Kompressors
Kompressor
Getriebe:
Getriebe mit langer Hauptwelle
Sturmey-Archer SB108
Details:
Kupplung
Viele Ketten
Tank
vernickelte Köpfe
Zenith Super-KIM:
Die Stunde der Wahrheit:
letzte Vorbereitungen
Auftanken
Ständer hochklappen
Brummmm
Auskuppeln und bremsen
Der Rauch verzieht sich
Zenith Super-KIM lebt:
Bildernachweis: Gernot Schuh, Familie Sigrand, Hannes Strodl. Danke an
die Letzteren.
Video: Dank an Javier Rozzi für die Bereitstellung des Videos.